Friday, August 23, 2013

Berlin, wie nie gebucht


Die Hauptstadt freut sich über eine Rekordzahl an Touristen, die hier viel Geld ausgeben – und will sie noch etwas mehr zur Kasse bitten. Ab Ende dieses Jahres, so plant Klaus Wowereit, sollen Privatbesucher einen Aufschlag von fünf Prozent auf Hotelkosten zahlen

Flughafen-Debakel, Finanznot in den Bezirken – unerfreuliche Konflikte für den Regierenden Bürgermeister. Am Freitagvormittag jedoch konnte sich Klaus Wowereit (SPD) mal wieder einem rundherum erfreulichen Thema widmen. „Der Berlin-Tourismus entwickelt sich prächtig“, verkündete er gut gelaunt anlässlich des 20-jährigen Bestehens der „Berlin Tourismus & Kongress GmbH“, kurz visit Berlin. Die Berlin-Werber hatten eingeladen, um ihre Aktivitäten und den kräftigen Aufwärtstrend bei den Besucherzahlen seit Gründung des Unternehmens zu dokumentieren. So hat sich die Zahl der Gäste von drei Millionen im Jahr 1993 auf geschätzte über elf Millionen bis Ende 2013 fast vervierfacht.
 
 
Von diesem Zulauf profitieren auch Berlins Geschäfte: Alleine im ersten Halbjahr 2013 wuchsen die Einzelhandelsumsätze laut Statistischem Landesamt um 8,1 Prozent.
In den Jubelchor zu „Berlins Tourismus-Erfolgsgeschichte“ stimmte auch Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) ein. 2013 sei Berlin mit mehr als 26 Millionen erwarteten Übernachtungen von Touristen und Kongressgästen bis zum Jahresende so gut ausgebucht wie noch nie, teilte sie mit. Tourismus und das Kongressgeschäft sicherten inzwischen knapp 280 000 Arbeitsplätze. Alleine von Januar bis Juni stiegen die Übernachtungszahlen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 9,2 Prozent. Und die Zahl der Gäste nahm mit 5,3 Millionen um fünf Prozent zu. „Mit solchen Zuwächsen liegt Berlin europaweit an der Spitze, weit vor allen anderen Großstädten“, sagt Visit-Berlin-Chef Burkhard Kieker. Nur Paris und London haben unterm Strich noch mehr jährliche Touristenübernachtungen, an der Seine sind es 36 Millionen, an der Themse sogar 48 Millionen. Aber während die Zahlen dort stagnieren, arbeitet sich Berlin stetig vor.
Senat und visit Berlin rechnen mit einem jährlichen Wachstum von fünf Prozent, bis 2016 will man 30 Millionen Übernachtungen erreichen. Ein realistisches Ziel? Für Kieker „auf jeden Fall“. Er untermauert dies mit dem Zuwachs bei den Hotelbetten. 1993 gab es in Berlins Herbergen rund 36 000 Gästebetten, zurzeit sind es 130 000 – und bis 2016 sollen noch 20 000 Betten hinzukommen. Aktuell sind die Herbergen trotz des verschärften Wettbewerbes im Durchschnitt zu 53 Prozent ausgelastet, für Kieker ein „gutes Ergebnis“. Die Investoren im Hotelgewerbe gingen davon aus, „dass Berlin das Beste noch vor sich hat“. Kieker: „Schon jetzt gehören wir zu den vier wichtigsten Kongressstädten weltweit.“
Als die GmbH zur Tourismuswerbung vor 20 Jahren gegründet wurde, hieß sie noch „Berlin Tourismus Marketing“ (BTM). Weg vom angestaubten Fremdenverkehrsamt, hin zum professionellen Tourismusmarketing, lautete damals die Devise. Der Anfang war zäh, doch ab dem Jahr 2000 „kam alles dann so richtig in Fahrt“, blicken die Beteiligten zurück. Auch dank des von visit Berlin zusätzlich zusammengerufenen „Runden Tisches Tourismus“, an dem sich regelmäßig Vertreter vieler Branchen treffen, die von Berlins Gästen profitieren – vom Taxigewerbe über die Gastronomie bis zum Einzelhandel.
Dort wurden schon etliche geschäftsfördernde Ideen geboren. Zum Beispiel, Berlin als „Wintertraum“ zu verkaufen, mit romantischen Weihnachtsmärkten und Illuminationen. Seither sind die kalten, einst besucherschwachen Monate besser gebucht. Oder der „Bahn Hit Berlin“, wie ein ganz neues Angebot heißt. Wer drei Übernachtungen in der Hauptstadt bucht, bekommt die Hinfahrt per Bahn gratis dazu. Kieker: „Das Interesse daran nimmt rasant zu.“
Visit Berlin hat zurzeit rund 180 Mitarbeiter und wirtschaftet mit einem 16-Millionen-Jahresetat. Sieben Millionen kommen aus dem Landeshaushalt, den Rest verdient das öffentliche Unternehmen selbst, unter anderem durch den Verkauf der Berlin Tourismus Card oder seinen Buchungsservice für Hotels und Kulturveranstaltungen. Visit-Berlin-Botschafter bemühen sich weltweit, Kongresse nach Berlin zu holen, andere Experten sind derzeit gezielt in China, Brasilien, in Australien, Israel, Russland oder asiatischen Ländern im Einsatz, um dort Interesse an Berlin zu wecken. Erste Erfolge sind schon sichtbar (siehe Grafiken).
„Keine Stadt auf der Welt wird derzeit so gehypt. Die Sympathie für Berlin spürt man überall auf der Welt“, freute sich denn auch Klaus Wowereit anlässlich des Jubiläums. Berlin fasziniere als Stadt, „die sich von der DDR-Diktatur befreit und neu erfunden hat. Wo dies authentisch erfahrbar ist“.
Um die Touristenwerbung finanziell noch mehr zu unterstützen, will der Senat wie berichtet eine City-Tax einführen. Private Berlingäste sollen fünf Prozent auf den Hotelpreis zahlen. Man erhoffe sich jährliche Einnahmen von etwa 20 Millionen Euro, sagte Wowereit, die Hälfte davon solle dann in verschiedenste Projekte gesteckt werden, von Imagekampagnen bis zu neuen touristischen Leitsystemen. Derzeit wird die City Tax im Abgeordnetenhaus beraten. Wowereit erwartet, dass sie „spätestens Ende des Jahres kommt“.
DURCHSCHNITTSALTER
Bei den Gästen aus Deutschland, die derzeit 58,1 Prozent aller Berlinbesucher ausmachen, liegt das Durchschnittsalter bei knapp über 40 Jahren. „Viele gut situierte, bürgerliche Touristen aus anderen Bundesländern kommen hierher, weil sie die Berliner Kultur und Geschichte genießen wollen“, sagen die Tourismus-Werber. Insgesamt besuchten im ersten Halbjahr 2013 rund 3,4 Millionen Deutsche die Hauptstadt. Bei den ausländischen Gästen sinkt das Durchschnittsalter je nach Land teils stark ab, extrem vor allem bei Israelis. Bei der jungen Generation des Landes ist Berlin ausgesprochen populär. Nur zwanzig Jahre sind die israelischen Gäste im Durchschnitt alt.

ZWEI VON DREI KOMMEN WIEDER Täglich halten sich nach Angaben von visit Berlin 500 000 Besucher in Berlin auf. Davon sind rund 30 000 Übernachtungsgäste. Letztere könnten pro Tag in 580 Reisebussen oder 160 Flugzeugen anreisen. 60 Prozent aller Berlin-Besucher kommen nach ihrer ersten Visite später noch mindestens ein bis zwei Mal wieder. CS

Advisor: schlechte Ratschläge teuer


Unternehmensberater kassieren Millionen von angeschlagenen Firmen - und können das Scheitern oft trotzdem nicht verhindern. Rutscht das Unternehmen in die Insolvenz, droht die Rückzahlung der Honorare

„Firmen, die in Not sind, zahlen für Berater oft jeden Preis“, erzählt Michael Pluta. Der Anwalt, der die Insolvenz des Modelleisenbahnbauers Märklin verwaltete, berichtet von Exzessen in dem angeschlagenen Unternehmen. Die Stundensätze der US-Beratungsfirma hätten bei 450 bis 650 Euro gelegen, zeitweise seien bei Märklin bis zu acht Berater gleichzeitig im Haus gewesen.
„Einmal lag der Jahresverlust bei 13 Millionen Euro – und damit genau auf Höhe der Beraterhonorare“, erzählt Pluta. Erfolg hatten die Unternehmensberater bei Märklin nicht – 2009 meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Bei der Baumarktkette Praktiker, die im Juli Insolvenz anmeldete, sollen für die Beratungen mehrerer namhafter Gesellschaften seit 2011 insgesamt rund 80 Millionen Euro geflossen sein, berichtete das Wirtschaftsmagazin „Capital“ aus internen Dokumenten. Unter den Gesellschaften waren etwa die Boston Consulting Group (BCG), McKinsey, Roland Berger und Freshfields. „Wir waren bis Mitte 2011 bei Praktiker engagiert“, sagt McKinsey-Sprecher Kai Peter Rath. Die Höhe des Honorars will McKinsey nicht verraten. „Aber unser Anteil daran entspricht einem Bruchteil“, versichert Rath mit Blick auf die im Magazin genannten 80 Millionen Euro. Die Boston Consulting Group erklärte, man sei 2011 und 2012 im Unternehmen gewesen. „Wir haben Praktiker ein Sanierungskonzept vorgeschlagen, das unter anderem eine Effizienzsteigerung und eine Abkehr von der Billigstrategie beinhaltete“, sagt BCG-Partner Ralf Moldenhauer, der sich ebenfalls nicht zum Honorar äußern wollte. Roland Berger wollte keine Stellungnahme abgeben und verwies auf eine Verschwiegenheitserklärung.
Beraterkreisen zufolge soll der Löwenanteil der 80 Millionen Euro auf Rechtsberatung entfallen sein, etwa für die Kapitalerhöhung und die Prüfung von Verträgen. Allein BCG soll fünf Millionen Euro erhalten haben, berichtet ein Insider. Die Berater hätten versucht, Praktiker von der Billigstrategie abzubringen. Weil aber die Umsätze dadurch zunächst gesunken seien, habe das Management Panik bekommen und sei zu „20 Prozent auf alles“ zurückgekehrt.
Nach Ansicht des Berliner Insolvenzverwalters Christian Köhler-Ma sind die Honorare, die in der Branche gezahlt werden, in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. „Wir beobachten, dass die Beratervergütungen, besonders bei Restrukturierungen, sich im Ergebnis an der Unternehmensgröße orientieren“, sagt der Anwalt aus der Kanzlei Leonhardt. Es flössen dann Summen im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich. Allerdings seien die Insolvenzfälle auch viel größer als noch vor der Jahrtausendwende. „Auch durch die Investitionen von ausländischen Geldgebern wie Hedgefonds gibt es jetzt öfter als früher Insolvenzen mit Unternehmensgrößen im Milliardenbereich“, meint Köhler-Ma. Dennoch: „Die Unternehmensberater müssen darauf achten, dass die Firmen durch die Dienstleistung nicht in Schieflage geraten“, meint Insolvenzverwalter Michael Pluta.

Fast immer würde die Zahlung der Beraterhonorare noch vor der Insolvenz geregelt, erklärt Köhler-Ma. „Denn nach der Insolvenz sind die Chance für die Gesellschaften, ihr Geld zu bekommen, sehr viel niedriger als etwa die der Mitarbeiter oder Lieferanten.“ Dennoch besteht ein Risiko, dass die Honorare wieder zurückgefordert werden. „Alles, was in den drei Monaten vor der Insolvenz passiert ist, wird eingehend vom Verwalter geprüft“, sagt Köhler-Ma. In diesem Zeitraum könne eine Anfechtung durchaus Erfolg haben. Dabei seien Honorare von Beratern, die gezielt für eine Sanierung geholt würden, leichter zurückzufordern als solche für reguläre Beratung. Ob eine Rückforderung auch bei Praktiker ansteht, wollte ein Sprecher des vorläufigen Insolvenzverwalters der Kette am Donnerstag nicht sagen. „Wir sind derzeit dabei, das Geschäft zu stabilisieren.“ Alles, was vor der Insolvenz liege, werde zu einem späteren Zeitpunkt bewertet.

Steve Ballmer geht, steigt stock


Der Mitarbeiter mit der Nummer 30 war seit 1980 bei Microsoft. Doch bei der Einschätzung von iPhone und Tablet lag er gründlich daneben

Redmond/Berlin - Der Blick auf den aktuellen Börsenkurs seines Unternehmens dürfte Microsoft-Chef Steve Ballmer am Freitag endgültig die Laune verdorben haben. Kaum hatte er seinen Rücktritt auf Raten verkündet, schoss die Aktie um sieben Prozent nach oben. Die Börsianer waren mehrheitlich wohl der Meinung, dass Microsoft die enormen Herausforderungen ohne seinen lautstarken Chefverkäufer besser meistern kann. Ballmer wird es kaum getröstet haben, dass dieser Kursgewinn sein persönliches Vermögen wegen seines dicken Aktienpakets um bis zu eine Milliarde Dollar gesteigert hat.
 
 
In einer Mail an seine Mitarbeiter hatte Ballmer zuvor darauf hingewiesen, welche rasante Entwicklung Microsoft genommen hat, seit er im Juni 1980 dem Ruf seines Freundes Bill Gates folgte und Angestellter Nr.
30 bei Microsoft wurde: „Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben. Unser Umsatz ist von 7,5 Millionen Dollar auf fast 78 Milliarden Dollar gestiegen, seit ich bei Microsoft angefangen habe, und wir sind von 30 Mitarbeitern auf fast 100 000 gewachsen.“
Nun aber brauche Microsoft einen Chef, der längere Zeit den Wandel zu einem Spezialisten für Geräte und Dienstleistungen begleiten werde, erklärte Ballmer. Damit bestätigte er den Umbruch, in dem Microsoft steckt: Das reine Software-Geschäft mit dem Betriebssystem Windows und Programmen wie Office reicht nicht mehr aus. Zudem hatte das neue Windows 8 bisher nicht den erhofften Erfolg. „Es gibt nie eine perfekte Zeit für einen solchen Übergang, aber jetzt ist die richtige Zeit“, erklärte Ballmer am Freitag seinen Rückzug. Bill Gates kündigte an, dass er bei der Suche nach einem Nachfolger helfen werde. Neben Gates hatte Ballmer einen entscheidenden Anteil am Erfolg, weil er rund um Microsoft ein komplettes System an Hardware-Partnern und Serviceunternehmen zum Blühen brachte. Ballmer verfügte allerdings nicht über das technologische Gespür, das andere Pioniere der Computerindustrie auszeichnete.
Legendär ist seine Fehleinschätzung des iPhones. Kurz nach der Präsentation des ersten Apple-Smartphones im Jahr 2007 machte sich Ballmer über das Produkt lustig und fragte das Publikum, wer wohl das „teuerste Telefon der Welt“ kaufen werde. Es dauerte Jahre, bis Ballmer Konsequenzen aus seinem Irrtum zog und die Entwicklung eines modernen Smartphone-Systems in Auftrag gab, das sich heute gegen die Konkurrenz von Google und Apple schwertut. Zwischendurch musste er mit den missratenen Produkten Zune (einem iPod-Konkurrenten) und Kin (ein Smartphone für Jugendliche) weitere Nackenschläge hinnehmen.
Ballmer wollte zunächst auch nicht wahrhaben, dass immer mehr Menschen einen Tablet-Computer wie das iPad statt eines traditionellen PC verwenden werden. „Die Menschen werden mehr und mehr PC verwenden. Das wird für viele Jahre gelten, die vor uns liegen“, sagte er noch im Juni 2010. Tatsächlich geht der PC-Absatz zurück. Microsoft spielt zwar inzwischen mit dem Tablet-Computer Surface und dem neuen Windows-System auch in dem neuen Marktsegment mit,der Erfolg ist indes bescheiden.
In der Branche wird mit Respekt zur Kenntnis genommen, dass Ballmer in dieser Phase den Weg für einen Neuanfang frei macht. Allerdings wird die Suche nach einem Nachfolger nicht einfach werden. Die Riege der Stars aus der zweiten Reihe bei Microsoft hat sich gelichtet: Chef-Softwarearchitekt Ray Ozzie verließ 2010 das Unternehmen, Windows-Chef Steve Sinofsky warf im vergangenen November das Handtuch. Unter den Microsoft-Managern ist derzeit Tony Bates der Favorit für die Ballmer-Nachfolge. Der ehemalige Chef des Online-Telefondienstes Skype ist auch für die Businessabteilung bei Microsoft zuständig und gilt als Internetexperte. (dpa)

Monday, August 19, 2013

Junge Menschen wollen Bio


Deutsche Öko-Bauern können die Nachfrage nach ihren Produkten nicht decken. Vor allem die Unter-30-Jährigen kaufen Bio. Die Unternehmen kämpfen um Fördergelder.



Berlin - Nicole Kidman tut es, ihre Kollegin Gwyneth Paltrow auch. Beide Hollywood-Größen ernähren sich vor allem von Bio-Kost. Doch nicht nur in der weiten Welt der Reichen und der Schönen ist „Bio“ in, auch deutsche Normalverbraucher greifen gern ins Bio-Regal. 74 Prozent kaufen zumindest gelegentlich Bio-Ware, hat eine am Montag veröffentlichte Studie des Bundesagrarministeriums ergeben. „Bio liegt weiter voll im Trend“, sagte Ministerin Ilse Aigner (CSU).
Dafür sorgen vor allem die Jungen. 23 Prozent der Unter-30-Jährigen kaufen häufig Bio – im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von neun Prozentpunkten. Dagegen nimmt das Interesse der Älteren an Bio-Waren ab.


Hatten im vergangenen Jahr noch 26 Prozent aller Befragten zwischen 50 und 59 erklärt, ausschließlich oder häufig Bio-Produkte in ihren Einkaufskorb zu legen, sind es heute nur noch 19 Prozent. Der Anteil der Bio-Kostverächter ist unter den 50- bis 59-Jährigen sogar um neun Prozentpunkte gestiegen. Unterm Strich fällt das aber nicht groß ins Gewicht. Über alle Altersgruppen hinweg machen derzeit nämlich nur 26 Prozent kategorisch einen Bogen um Bio-Lebensmittel. Die große Mehrheit greift dagegen vor allem bei Obst, Gemüse und Eiern zur Bio-Ware. Bio komme eher aus der Region, enthalte weniger Schadstoffe und den Tieren geht es besser, glauben die Verbraucher.
Aigner sieht die Ergebnisse des „Ökobarometers“ auch als Erfolg ihrer Politik. Sie versprach am Montag eine bessere Förderung des Ökolandbaus, damit dieser die Nachfrage der Kunden noch besser bedienen könne. Bislang gelingt das nämlich nur zum Teil. „In den letzten zehn Jahren hat sich der Öko-Lebensmittelmarkt verdreifacht, die Öko-Flächen haben sich in dieser Zeit aber nur verdoppelt“, sagte Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), dem Tagesspiegel. In Deutschland wird Bio auf gut einer Million Hektar angebaut, gemessen an allen Agrarflächen sind das gerade einmal sechs Prozent.
Für viele Landwirte lohne sich der Bio-Anbau nicht, kritisiert Löwenstein. Das liege zum einen an der Energiepolitik: „Wer Mais in der Biogasanlage zu Energie vergärt, kann pro Hektar damit 2000 Euro verdienen“, sagt der Bio-Lobbyist. Der ökologische Anbau von Mais bringe dagegen nur 190 Euro pro Hektar.
Die Bio-Bauern befürchten, dass sich ihre Lage aber bald noch verschlechtert. Denn 2014 tritt die Reform der europäischen Agrarpolitik in Kraft. Die Öko-Landwirte sehen sich als Verlierer. Denn um Geld zu sparen, wird an allen Ecken gekürzt. So werden die Direktzahlungen, die alle Bauern aus dem Brüsseler Agrartopf bekommen, von 2014 bis 2020 um 7,7 Prozent gesenkt, die Förderung von Agrarumweltmaßnahmen („zweite Säule“) aber sogar um gut neun Prozent. Von dieser zweiten Säule profitiert vor allem der Öko-Landbau, den die Kürzungen daher besonders hart treffen.
Mit jährlichen Mindereinnahmen von 500 Millionen Euro rechnet Löwenstein für die deutschen Bio-Bauern allein wegen der Streichungen in der zweiten Säule. Daher soll Aigner einen Teil der Subventionen vom ersten in den zweiten Topf umschichten, fordert der BÖLW. 15 Prozent will Brüssel erlauben. Am kommenden Mittwoch und Donnerstag beraten die Agrarminister von Bund und Ländern. Doch Aigner hat schon klargemacht, dass sie von solchen Umverteilungen nichts hält: Sie will stattdessen mit Sonderzahlungen alle kleinen Betriebe fördern und mit Ausgleichszulagen für Grünland auch konventionelle Landwirte dazu bewegen, mehr für die Umwelt zu tun, heißt es im Ministerium.

Sport ist ein Geschäft - auch in einer Bar in der Ecke


Ball und Spieler im Fernsehen laufen für Geld, nicht aus reinem Spaß an der Freude, die gesamte Bundesliga ist eine gigantische Kommerz-Veranstaltung. Jetzt beschweren sich die Kneipiers über den Sender Sky, der drastisch die Preise erhöht hat - der eigentliche Preistreiber ist aber jemand anderes.


Es geht wieder ein Juchzen durch Deutschland. Die Fußball-Bundesliga ist in ihre 51. Saison gestartet, und auch Hertha BSC will mit attraktivem Offensivfußball nicht wieder absteigen müssen. Wer nicht ins Olympiastadion geht oder zum Auswärtsspiel fährt, der möchte wenigstens via Pay- TV-Sender Sky hautnah dabei sein.
Das Leben als Fan erfüllt sich für viele Anhänger in der Gemeinschaft. Die Kneipiers haben das längst erkannt und haben über ihre Theken XXL-Fernseher aufgehängt. Dort zeigt Sky die Bundesliga exklusiv, live und in Farbe.
Wie schön, wie grausam. Sky hat die Abopreise für die Kneipenwirte deutlich, die Betroffenen sagen: drastisch erhöht.
Dem Sender wird mit Kündigung gedroht, so viel Bier könne gar nicht verkauft werden, um noch einen befriedigenden Schnitt zu machen.
Sky zahlt für das Recht auf Exklusivübertragung in dieser Saison sagenhafte 486 Millionen Euro an die Deutsche Fußball-Liga, fast das Doppelte der vergangenen Spielzeit. Insgesamt steigerte die Profiliga die Erlöse aus den verkauften Medienrechten von 412 auf 628 Millionen Euro. Der Löwenanteil kommt vom Fernsehen, kommt vom Bezahlsender Sky.
Mit diesem TV-Geld und für dieses TV-Geld laufen Ball und Spieler. Nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Erwerbssinn. Die Fußball-Bundesliga ist eine kommerzielle Veranstaltung, die aus allen Ecken und Enden ihre Einnahmen zieht. Die Fernsehsender sind in diesen Kreislauf ebenso eingebunden wie der Fan und der Kneipier. Viele zahlen in die Portemonnaies weniger.
Wenn die Wirte klagen, dann klagen sie über ihren Vertragspartner Sky. Der muss aber selber sehen, wie er die von seinem Rechtepartner DFL aufgerufenen Preise refinanziert. Die Vermarktungsgemeinschaft und damit die Vereine der Bundesligen sind die Preistreiber. Das übersieht der Fan an der Theke gerne, denn sein Herz (sein Hirn?) hängt an den Vereinen.
Die neue, übersteigerte Einnahmekultur legt die Organisation der Bundesliga offen. Ein toller Motor, der nur prächtig läuft, wenn auch das Benzin toll ist. Die Spritpreise (!) sind immer ein Ärgernis, die Alternative – Verzicht auf oder Abstriche beim Fußball – ist keine. Wäre auch widersinnig: Die geile Liga muss jetzt megageil werden.


Es hat etwas Rührend-Verständliches, wie der Sport mit einer Wohlfühloase verwechselt wird. Bitte kein Kommerz, keine Homophobie, kein Doping, keine Politik, keine Wetten. Ein Spiel nach den Regeln von gut, schön, wahr. Das mag noch beim Sportabzeichen funktionieren, bei der durchkapitalisierten Variante reimt sich Leistung auf Geld. Kommerzielle Unterhaltung – nichts dagegen – mit den Begleiterscheinungen von Politik, Doping etc. Nie war Sport grausamer, ehrlicher, faszinierender.
Kein Umstand macht vor der Fußballkneipe kehrt. An der Theke „Zum gemütlichen Dicken“ geht es niemals zu wie im Teletubby-Land. Aufgewacht, Kneipiers und Hertha-Fans: Ehe der Kommerzsport seine tragenden Eckpfeiler zum Einstürzen bringt, wird der Zapfhahn trocken – und der Ball eckig.

Aufsichtsrat beschließt eine Teilöffnung bis zum Herbst


Der Minibetrieb in Schönefeld ist doch noch nicht genehmigt, die Flughafengesellschaft will den Antrag für den BER-Umbau am Nordpier aber noch in dieser Woche stellen. Hartmut Mehdorn möchte so den Echtbetrieb testen – auf den Tickets der Flugreisenden wird dann aber trotzdem nicht "BER" stehen.

Die Flughafengesellschaft will noch diese Woche den Bau-Änderungsantrag für den Umbau des Nordpiers am BER für eine vorübergehende Abfertigung von Passagieren bei der Genehmigungsbehörde einreichen. Das hat Vorstandschef Hartmut Mehdorn am Montag im BER-Sonderausschuss des Potsdamer Landtages angekündigt. Der Aufsichtsrat hatte letzten Freitag grünes Licht gegeben, diesen Kleinst-Start des Hauptstadt-Airports weiterzuverfolgen, es aber an eine Bedingung geknüpft.
Wenn die Baugenehmigung vorliegt, was nicht vor Herbst 2013 realistisch ist, muss Mehdorn damit noch einmal in den Aufsichtsrat. Erst dann wird endgültig über die nötigen Investitionen und den Testbetrieb im Nordpier entschieden. Über ein „Go oder ein No“, sagte Brandenburgs Finanzminister Helmuth Markov (Linke ), der selbst im Aufsichtsrat sitzt. Vorher dürfe der Flughafen nicht mit Umbauarbeiten beginnen

Ob die Zeit reicht, den Nordpier, wie von Mehdorn gewünscht, März/April 2014 in Betrieb zu nehmen, ist unklar. Mehdorn sagte, es gehe eher um eine „Ummöblierung“, um den vorübergehenden Einbau von Check-In-Schalter und Gepäckbändern, die für andere Teile des Airports geplant waren. „Es geht nicht um eine BER–Eröffnung, sondern eher um eine kleine Erweiterung des existierenden Flughafens Schönefeld/Alt“. Dessen Kürzel SXF stünde auch auf den Tickets, nicht BER.
Alles hängt von der Genehmigung ab. Wenn die Unterlagen vollständig und schlüssig seien, könne der Antrag zügig bearbeitet werden, hatte der für die Bauaufsicht zuständige Vize-Landrat des Kreises Dahme-Spreewald, Carl-Heinz Klinkmüller, bereits im Vorfeld gesagt. Doch deutete Flughafenstaatssekretär Rainer Bretschneider im Ausschuss an, dass die Genehmigungsfragen dennoch schwierig sind. Mehdorn selbst schloss ein Scheitern nicht aus. „Wenn es mit der Genehmigung nicht geht, dann sind wir ein bisschen traurig.“

Die nächsten Schritte auf dem Weg zur Gesamteröffnung will Mehdorn im Oktober mitteilen – wahrscheinlich ohne einen festen Termin zu nennen. Der Aufsichtsrat hatte am Freitag beide Konzepte der Geschäftsführung diskutiert: einen vorgezogenen Flugbetrieb im Kleinformat vom Nordpier aus, wie es Mehdorn will, oder einen Gesamtumzug aller Fluggesellschaften vom bisherigen Flughafen Schönefeld, wie es Technikchef Horst Amann vorschlug. Letzteres wurde verworfen. „Das verfolgen wir nicht weiter“, sagte Mehdorn.

Im Nordpier will Mehdorn mit bis zu zehn Abflügen am Tag 71 der 107 „Objekte“ im Flughafensystem im Echtbetrieb testen lassen. Dazu gehören neben auch Parkhäuser, Energiezentralen, Zugangskontrollstellen sowie die Gebäude der Feuerwehr und der Bodenverkehrsdienste. Zudem sollen mit der dort vorgezogenen Inbetriebnahme alle 56 übergreifenden technischen Systeme im Echtbetrieb erprobt werden. Es gehe darum, die Abläufe „nicht in Trockenübungen“ einzuspielen, sagte Mehdorn. Ziel sei es auch, Mitarbeiter aus Schönefeld und Tegel an ihre künftigen Jobs am BER heranzuführen, „das ist Eure neue Welt.“

Thursday, August 15, 2013

Amerikanische Praktikant bei Volkswagen


Nicht nur in Deutschland, auch in den USA herrscht Fachkräftemangel. VW ergreift in seinem Werk in Tennessee die Initiative - und bildet Mechatroniker nach deutschem Standard aus.

Für deutsche Firmen gibt es in den USA kaum ein größeres Problem, als an qualifiziertes Personal zu kommen. Sie nennen es den „skills gap“, die US-Regierung spricht vom Fachkräftemangel und eigentlich jeder Deutsche, der ein wenig Zeit in den Vereinigten Staaten verbringt, wünscht diesem Land vor allem ein besseres Ausbildungssystem. Qualifikation ist hier keine Selbstverständlichkeit. Konzerne aus Deutschland, die in den USA investieren, gehen deshalb eigene Wege und schulen ihren Nachwuchs selbst – nach deutschen Standards. In dieser Woche hat erstmals eine in den USA ausgebildete Mechatroniker-Klasse nach dreijähriger Lehrzeit zugleich mit ihrem US-Abschluss ein DIHK- Zertifikat erhalten.


Noch vor der eigentlichen Eröffnung seiner neuen Passat-Fabrik in Chattanooga, Tennessee, im Jahr 2011 hatte der VW-Konzern Ausbildungsplätze für Mechatroniker ausgeschrieben. Zwölf haben jetzt ihren Abschluss gemacht. Bei der Abschlussfeier, zu der VW auch den Tagesspiegel eingeladen hatte, lobten die Vertreterin der deutsch-amerikanischen Handelskammer, Martina Stellmaszek, und der Gouverneur von Tennessee, Bill Haslam, das Ausbildungsprogramm als wegweisend. Er sei hier, weil „es eine unserer höchsten Prioritäten ist, den skills gap zu schließen“, sagte der Gouverneur.
Deutsche Investitionen in den USA machen nach Angaben der deutschen Botschaft in Washington 8,6 Prozent der ausländischen Gesamtinvestitionen aus, mehr als 3400 deutsche Firmen haben hier einen Standort aufgebaut und dabei etwa 600 000 Arbeitsplätze geschaffen. Aber sie alle, berichtet der Leiter der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft, Peter Fischer, nennen immer ein zentrales Problem: „Was die Amerikaner ausbilden, ist unzureichend.“ VW hat das Problem auf seine Weise gelöst und ein eigenes Ausbildungszentrum geschaffen, in dem sie die Lehrlinge nach dem deutschen dualen System in Zusammenarbeit mit einem lokalen College ausbilden. Siemens oder Wacker Chemie gehen ähnlich vor. Mindestens 20 Unternehmen, schätzt die Botschaft, haben es inzwischen aufgegeben, auf Nachwuchs von den normalen amerikanischen Colleges zu setzen. Praxis steht dort nicht auf dem Stundenplan. In Charlotte, North Carolina, ist in Zusammenarbeit mehrerer Unternehmen ein Ausbildungszentrum entstanden. Ganz in der Nähe unterhält BMW seine US-Fertigung.
Im September soll ein ähnlicher Ausbildungsschwerpunkt wie in Charlotte mit Firmen aus dem Automobilzuliefererbereich in Montana an den Start gehen. Und die deutsche Botschaft unterstützt Unternehmen bei der Suche nach qualifiziertem Personal mit einer Initiative, um ebensolche Projekte zu fördern. „Die Skills Initiative der Botschaft stößt auf eine rege Nachfrage“, zieht Fischer eine erste Zwischenbilanz des im Mai 2012 gestarteten Projekts, „wir arbeiten inzwischen mit mehr als zehn Bundesstaaten zusammen“.
Der Mangel an Fachkräften ist übrigens kein spezielles Problem der deutschen Wirtschaft. Auch US-Präsident Barack Obama hat sich den Wiederaufbau des Produktionsstandortes USA auf die Fahnen geschrieben, ein Maßnahmenpaket dazu auf den Weg gebracht und in seiner Rede zur Lage der Nation im Februar 2013 explizit das deutsche duale Ausbildungssystem gelobt. VW übrigens hat reichlich Bedarf in Chattanooga: In den nächsten Monaten wird entschieden, ob in dem Werk eine neue Geländelimousine mit Hybridantrieb für den nordamerikanischen Markt gebaut wird.