Eine Dritte-Welt-Organisation befragte Berliner Kinder und erfuhr: 75 Prozent der Schüler meiden möglichst den Gang zur Toilette. Wie sieht es bei Euch in der Schule aus? Schickt uns Fotos Berliner Schultoiletten!
Wenn man in der Reineke-Fuchs-Grundschule in Reinickendorf die Toiletten sucht, kann man sich ganz auf seine Nase verlassen. Bis auf den Flur dringt der strenge Geruch. „Das sind die alten Rohre“, sagt Schulleiterin Margot Koch, „das geht nicht mehr weg.“ Dann öffnet sie die Tür zum Mädchenklo und zeigt auf das rostige Abflusssieb im Boden. „Hier wurde seit dem Bau der Schule vor fast vierzig Jahren noch nie etwas saniert.“ Am Waschbecken gibt es nur kaltes Wasser. Handtücher und Seife bringen die Kinder aus den Klassenzimmern mit. Die Fenster sind gekippt und mit leeren Klopapierrollen blockiert, damit sie nicht zuzufallen.
Die zwei Toilettenkabinen lassen sich nicht richtig abschließen. Vor allem aber reichen sie nicht für die drei Klassen, die sich dieses WC teilen sollen. „33 Kinder sollen hier aufs Klo, das ist noch nicht mal in einer großen Pause zu schaffen“, sagt Koch. Deshalb lassen die Lehrer die Kinder während des Unterrichts gehen.
Der Schulleiterin stinkt es schon lange, den Eltern auch. Zuletzt haben sich die Eltern im Oktober an die Bildungsstadträtin, das Schul-, Bau- und Gesundheitsamt gewandt. Getan hat sich bisher nichts. Nun will sich Bildungsstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) am Montag selbst ein Bild machen und die Schule besuchen. „Eigentlich haben Toiletten bei mir Priorität“, sagt sie.
Auch in der Behindertentoilette im Erdgeschoss riecht es nicht besser. Hier müsste zudem dringend eine Dusche eingebaut werden, weil sich einige der neun behinderten Schüler (Inklusionskinder) manchmal in die Hosen machen und dann gewaschen werden müssen. Um die Dusche bemühen sich Eltern und Schule seit mehr als vier Jahren – erfolglos.
Dass in vielen Berliner Schulen die Sanitäranlagen marode sind, weiß auch die Bildungsverwaltung. 2012 wurden die Mittel für das Schulsanierungsprogramm von rund 32 Millionen Euro auf rund 48 Millionen Euro erhöht. Im kommenden Jahr werden dafür 64 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Rund 250 Bauprojekte gibt es 2012. Doch das reicht offensichtlich nicht, um den Sanierungsbedarf an den mehr als 700 öffentlichen Schulen Berlins zu decken. Schulze-Berndt beziffert den „Investitionsrückstau allein für Reinickendorf mit 60 Millionen Euro“, für ganz Berlin wären ihrer Einschätzung nach eine Milliarde Euro nötig. Auch an der Reineke-Fuchs-Grundschule wird gebaut. Die Schule bekommt neue Fenster. Der Herr vom Bauamt sei sehr engagiert, sagt Schulleiterin Koch. Doch für die Toiletten sei jemand anderes zuständig.
In der Gustav-Falke-Grundschule in Wedding ist es der Schulleiterin Karin Müller zwar gelungen, die Toiletten im Pavillion der Schulanfänger sanieren zu lassen. Doch im Haupthaus sehen die Toiletten auch nicht besonders einladend aus. Da der Bezirk Mitte seit März vom Senat zwangsverwaltet wird, muss Mülller inzwischen sogar Toilettenrollen, die sie beantragt schriftlich begründen. Eigentlich sollten die zwar von der Regelung ausgenommen sein, doch den Antrag bekam sie trotzdem zurück. Auf die Begründung kam es ihr dann auch nicht mehr an. Im Pavillion der ersten und zweiten Klasse bringen die Eltern Toilettenpapier und Seifenspender selbst mit. Das dürfte durchaus repräsentativ sein.
Sascha Schneider hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Er ist Vizevorsitzender des Landesschüler-Ausschusses: „Jedes Jahr kommt diese Diskussion wieder.“ Thilo Panzerbieter, Geschäftsführer der German Toilet Organization (GTO), eines Berliner Entwicklungshilfevereins, berichtet von Anrufen aus Schulen im Bundesgebiet, die sich Hilfe bei ihrem anrüchigen Problem erhoffen. Dabei ist die GTO 2005 gegründet worden, weil weltweit 2,6 Milliarden Menschen keine WCs haben. In Indien, den Philippinen, Sambia und Sri Lanka hilft die GTO beim Toilettenbau.
Bei Schulbesuchen hat das GTO-Team herausgefunden, dass viele Schultoiletten in beklagenswertem Zustand sind. Sie haben 290 Schüler aus zwölf Berliner Sekundarschulen nach ihren Schultoiletten befragt: Elf Prozent der Kinder gehen nie auf die Toilette, 64 Prozent „nur im Notfall“. Drei Viertel der Kinder finden ihre Schultoilette nicht sauber genug. Mehr als die Hälfte beklagt, dass es nie oder nur selten Seife gibt. „So können sich Infektionen ungebremst verbreiten“, sagt Panzerbieter. Toilettenpapier fehlt genauso oft. In vielen Schulen ist das eine Reaktion auf den Vandalismus. Bernd Meier, der in der Max-Taut-Berufsschule die Ausbildung der Sanitär-, Heizungs- und Klimainstallateure leitet, berichtet von überlaufenden Toiletten, die mit Papier verstopft worden sind. Dennoch findet Panzerbieter, dass „90 Prozent der Kinder dafür bestraft werden, wenn man ihnen Papier und Seife wegnimmt“. Fast 60 Prozent der Kinder fühlen sich in ihren Toiletten übrigens nicht sicher. Es fehlen Trennwände bei den Urinalen, und oft lassen sich Türen nicht abschließen.
Damit sich zumindest ein bisschen etwas ändert, veranstaltet die GTO mit Sponsorenhilfe einen Wettbewerb. Bis März können sich Schulen bewerben. Der Preis: eine Toilettensanierung. Übrigens hat die GTO ihren Wettbewerb in einem Klassenzimmer der Max-Taut-Schule präsentiert. Statt Stühlen standen schwere weiße Toiletten vor den Tischen.
Sunday, November 18, 2012
Senat bleibt: die Abschaffung der Gaslampen
Am Samstag haben etwa 250 Bürger für den Erhalt der Berliner Gaslaternen demonstriert. Doch die Kundgebung hat nichts geändert: Berlins Laternen werden elektrifiziert. Gnadenlos. Das spart Geld – und man sieht’s gar nicht.
Sie hängen schwarze Schleifen an die Peitschenmasten, auf jeder steht: „Verlass uns nicht!“ Sie argumentieren mit glühender Leidenschaft gegen den „Totalabriss des Kulturgutes Gasbeleuchtung in Berlin“, halten Transparente hoch für ihre „Gaslaternen mit Seele“. Am späten Samstagnachmittag schließt sich die Menschenkette rund ums Amtsgericht Charlottenburg. Etwa 250 meist ältere Bürger im Kiez an der Charlottenburger Kantstraße sind zufrieden, ihre Demonstration gegen die bevorstehende stadtweite Umrüstung der Gasbeleuchtung auf elektrischen Betrieb ist geglückt.
Doch auch der Senat ging zum Wochenende im Laternenstreit in die Offensive. Umweltstaatssekretär Christian Gaebler entgegnete den Protestlern, der Strombetrieb spare „massiv Kosten und Energie“ und verbessere „ganz erheblich“ die Umweltbilanz. Gaebler: „Bei den Gasreihenleuchten, deren Peitschenmasten meist an Hauptstraßen stehen, sind die Bauaufträge schon alle erteilt. Sie erhalten durchweg Leuchtstoffröhren.“ Die historischen Gasaufsatzleuchten in vielen Nebenstraßen, an denen das Kiezgefühl besonders entflammt, würden dagegen meist erst ab 2016 umgerüstet. Aber dann so, versichert der Staatssekretär, dass man dies anschließend gar nicht wahrnehme. „Ihr Äußeres bleibt erhalten und ebenso der warme Lichtton der vorherigen Gasbeleuchtung.“ Das sollen Leuchtdioden (LED) ermöglichen, die man dort statt der Leuchtstoffröhren einbauen will.
Um zu beweisen, dass dies keine leeren Versprechungen sind, lud der Staatssekretär am Freitagabend nach Einbruch der Dunkelheit Medienvertreter in die Falckensteinstraße am Schlesischen Tor in Kreuzberg ein. Dort betreibt seine Behörde seit einigen Wochen ein Pilotprojekt, das auch die letzten Zweifler überzeugen soll. Im Abschnitt zwischen Schlesischer und Wrangelstraße kann man an fünf Stellen jeweils gegenüberstehend zwei Aufsatzleuchten mit den historischen, gusseisernen Bündelpfeilermasten begutachten. Jedes dieser Paare ist ein Testobjekt: Auf der einen Straßenseite wird die Lampe wie bisher mit Gas befeuert, auf der anderen bereits mit Leuchtdioden (LED).
Christian Gaebler bleibt gleich vorne an der Einmündung der Falckenstein- in die Schlesische Straße stehen. Dann weist er auf die beiden dort aufragenden Eisenmasten mit den Laternenhauben und darunter angebrachten gläsernen Leuchtglocken. Es sind die klassischen Berliner Leuchten, die als besonders kiezprägend empfunden werden und vielen Bürgern vorrangig am Herzen liegen. „Quizfrage“, sagt Gaebler, „welche dieser beiden Laternen wird weiterhin mit Gas und welche mit Strom betrieben?“ Stille, niemand wagt eine Antwort, dann tippen einige – aber tatsächlich ist kein Unterschied zu erkennen. Beide Lampen verströmen ein sanftes, warmes Licht, wie man es von der Gasbeleuchtung gewohnt ist.
Sie hängen schwarze Schleifen an die Peitschenmasten, auf jeder steht: „Verlass uns nicht!“ Sie argumentieren mit glühender Leidenschaft gegen den „Totalabriss des Kulturgutes Gasbeleuchtung in Berlin“, halten Transparente hoch für ihre „Gaslaternen mit Seele“. Am späten Samstagnachmittag schließt sich die Menschenkette rund ums Amtsgericht Charlottenburg. Etwa 250 meist ältere Bürger im Kiez an der Charlottenburger Kantstraße sind zufrieden, ihre Demonstration gegen die bevorstehende stadtweite Umrüstung der Gasbeleuchtung auf elektrischen Betrieb ist geglückt.
Doch auch der Senat ging zum Wochenende im Laternenstreit in die Offensive. Umweltstaatssekretär Christian Gaebler entgegnete den Protestlern, der Strombetrieb spare „massiv Kosten und Energie“ und verbessere „ganz erheblich“ die Umweltbilanz. Gaebler: „Bei den Gasreihenleuchten, deren Peitschenmasten meist an Hauptstraßen stehen, sind die Bauaufträge schon alle erteilt. Sie erhalten durchweg Leuchtstoffröhren.“ Die historischen Gasaufsatzleuchten in vielen Nebenstraßen, an denen das Kiezgefühl besonders entflammt, würden dagegen meist erst ab 2016 umgerüstet. Aber dann so, versichert der Staatssekretär, dass man dies anschließend gar nicht wahrnehme. „Ihr Äußeres bleibt erhalten und ebenso der warme Lichtton der vorherigen Gasbeleuchtung.“ Das sollen Leuchtdioden (LED) ermöglichen, die man dort statt der Leuchtstoffröhren einbauen will.
Um zu beweisen, dass dies keine leeren Versprechungen sind, lud der Staatssekretär am Freitagabend nach Einbruch der Dunkelheit Medienvertreter in die Falckensteinstraße am Schlesischen Tor in Kreuzberg ein. Dort betreibt seine Behörde seit einigen Wochen ein Pilotprojekt, das auch die letzten Zweifler überzeugen soll. Im Abschnitt zwischen Schlesischer und Wrangelstraße kann man an fünf Stellen jeweils gegenüberstehend zwei Aufsatzleuchten mit den historischen, gusseisernen Bündelpfeilermasten begutachten. Jedes dieser Paare ist ein Testobjekt: Auf der einen Straßenseite wird die Lampe wie bisher mit Gas befeuert, auf der anderen bereits mit Leuchtdioden (LED).
Christian Gaebler bleibt gleich vorne an der Einmündung der Falckenstein- in die Schlesische Straße stehen. Dann weist er auf die beiden dort aufragenden Eisenmasten mit den Laternenhauben und darunter angebrachten gläsernen Leuchtglocken. Es sind die klassischen Berliner Leuchten, die als besonders kiezprägend empfunden werden und vielen Bürgern vorrangig am Herzen liegen. „Quizfrage“, sagt Gaebler, „welche dieser beiden Laternen wird weiterhin mit Gas und welche mit Strom betrieben?“ Stille, niemand wagt eine Antwort, dann tippen einige – aber tatsächlich ist kein Unterschied zu erkennen. Beide Lampen verströmen ein sanftes, warmes Licht, wie man es von der Gasbeleuchtung gewohnt ist.
Mein Name ist Tina und ich Johnny
Am Samstagnachmittag hat die Schwester des Getöteten vom Alexanderplatz vor 600 Schülern gesprochen und ihre Initiative gegen Gewalt vorgestellt. In Berlin fehle der Respekt, meint Tina K. Dafür will sie jetzt an Schulen und Kindergärten werben.
Tina K. ist sehr nervös und etwas außer Atem. Gerade noch rechtzeitig hat es die Schwester des im Oktober auf dem Alexanderplatz erschlagenen Jonny K. zu ihrem Auftritt vor rund 600 Schülern an der Berlin Brandenburg International School in Kleinmachnow geschafft. Eigentlich sollte sie an diesem Sonnabend an der John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf reden, aber wegen eines Wasserschadens musste die Veranstaltung verlegt werden.
Jeder hätte Jonny K. sein können, sagt Tina K. und setzt nach: „So ein Verbrechen darf nie wieder geschehen, deshalb bin ich hier.
“ Ihre Rede endet unter Tränen mit dem Satz: „My name is Tina and I am Jonny“. Alle Schüler standen daraufhin auf und applaudierten.
Das „I am Jonny“ bezieht sich auf die gleichnamige Stiftung, die Tina K. gründen möchte. Doch die Hürden sind hoch. 150 000 Euro bräuchte sie, um eine Stiftung zum Laufen zu bringen. So lange wollte sie nicht warten, sagte sie vor ihrem Besuch an der Schule. „Wir gründen jetzt am Montag erst einmal einen Verein“, sagt sie. An Schulen zu gehen, zu sensibilisieren, das könne sie selbst machen, sagt sie. Das koste kein Geld. Ihre Rede am Sonnabend sollte dazu den Auftakt bilden. Weitere Projekte hat sie schon in Planung, vernetzt sich, sammelt Ideen. Ihr Handy legt sie selten aus der Hand. Ihr normaler Job in der eigenen Werbefirma liegt deswegen auf Eis und man fragt sich, ob ihr das nicht alles zu viel wird. Sie lächelt im Gespräch und wirkt selbstsicher und entschlossen. „Um nicht weinen zu müssen“ wie sie sagt. Sie wolle zeigen: „Ich werde etwas gegen diese Gewalt tun.“
Am Alexanderplatz stehen noch immer hunderte roter Kerzen an der Stelle, wo Jonny K. im Oktober getötet wurde. Sie sind gesäumt von Blumen, dazwischen liegen unzählige Briefe. Beileidsbekundungen, Mutmacher, teils verzweifelte Zeilen, die Menschen hinterlassen haben, die die sinnlose Gewalt, die Jonny widerfahren ist, nicht fassen können. Tina K., die große Schwester von Jonny, steht jeden Tag mit ein paar Freunden davor. Sie trägt einen blauen Mantel, den Schal mehrfach um den Hals gewickelt gegen die Kälte. Immer kommt sie hierher, alle zwei Tage tauscht sie die Kerzen aus. Es gibt ihr Kraft, erzählt sie, dass Jonny nicht vergessen wird.
Neben ihr steht Kaze C. Ein guter Freund von Jonny. Er war in der Nacht dabei, als junge Männer so lange auf Jonny einschlugen, bis er starb. Auch er wurde verprügelt, verletzt, doch er lebt. Auch er kommt täglich zu Jonnys Mahnwache. „Jeden Tag, wenn wir hierherkommen, liegt etwas Neues da“, sagt er. Diesmal hat jemand eine Brille dazugelegt. Kaze weiß nicht warum. „Viele Leute unterstützen uns“, sagt er. „Aber es passiert auch viel Scheiße.“ Zum Gedenken an Jonny hingen hier auch T-Shirts, die ihm etwas bedeutet hatten. Nach und nach wurden sie gestohlen. Eine Deutschlandflagge, die neben der thailändischen hing, wurde zerstört. „Irgendjemand hat auch hierhin gepinkelt“, erzählt Kaze.
„Berlin ist eine Großstadt“, sagt Tina K. dazu. „Es fehlt der Respekt.“ Jenes Minimum an Respekt, das sie nun auch bei den mutmaßlichen Tätern vermisst. Einer hat sich in die Türkei abgesetzt. Zwei sind wohl nach Griechenland gegangen. Keiner möchte die Schuld auf sich nehmen.
Nach Jonnys Tod, erzählt die 28-Jährige, habe sie das Gefühl gehabt, sofort etwas unternehmen zu müssen. Jetzt will sie vor allem an Schulen und Kindergärten für mehr Respekt und Zivilcourage werben. „Eltern schicken ihre Kinder in die Schule und denken, die werden dort erzogen und die Lehrer fragen sich, warum das ihre Aufgabe sein soll. Wenn niemand sich zuständig fühlt, komme eben ich ins Spiel.“ Ihr Auftritt in Kleinmachnow war nur der Anfang.
Tina K. ist sehr nervös und etwas außer Atem. Gerade noch rechtzeitig hat es die Schwester des im Oktober auf dem Alexanderplatz erschlagenen Jonny K. zu ihrem Auftritt vor rund 600 Schülern an der Berlin Brandenburg International School in Kleinmachnow geschafft. Eigentlich sollte sie an diesem Sonnabend an der John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf reden, aber wegen eines Wasserschadens musste die Veranstaltung verlegt werden.
Jeder hätte Jonny K. sein können, sagt Tina K. und setzt nach: „So ein Verbrechen darf nie wieder geschehen, deshalb bin ich hier.
“ Ihre Rede endet unter Tränen mit dem Satz: „My name is Tina and I am Jonny“. Alle Schüler standen daraufhin auf und applaudierten.
Das „I am Jonny“ bezieht sich auf die gleichnamige Stiftung, die Tina K. gründen möchte. Doch die Hürden sind hoch. 150 000 Euro bräuchte sie, um eine Stiftung zum Laufen zu bringen. So lange wollte sie nicht warten, sagte sie vor ihrem Besuch an der Schule. „Wir gründen jetzt am Montag erst einmal einen Verein“, sagt sie. An Schulen zu gehen, zu sensibilisieren, das könne sie selbst machen, sagt sie. Das koste kein Geld. Ihre Rede am Sonnabend sollte dazu den Auftakt bilden. Weitere Projekte hat sie schon in Planung, vernetzt sich, sammelt Ideen. Ihr Handy legt sie selten aus der Hand. Ihr normaler Job in der eigenen Werbefirma liegt deswegen auf Eis und man fragt sich, ob ihr das nicht alles zu viel wird. Sie lächelt im Gespräch und wirkt selbstsicher und entschlossen. „Um nicht weinen zu müssen“ wie sie sagt. Sie wolle zeigen: „Ich werde etwas gegen diese Gewalt tun.“
Am Alexanderplatz stehen noch immer hunderte roter Kerzen an der Stelle, wo Jonny K. im Oktober getötet wurde. Sie sind gesäumt von Blumen, dazwischen liegen unzählige Briefe. Beileidsbekundungen, Mutmacher, teils verzweifelte Zeilen, die Menschen hinterlassen haben, die die sinnlose Gewalt, die Jonny widerfahren ist, nicht fassen können. Tina K., die große Schwester von Jonny, steht jeden Tag mit ein paar Freunden davor. Sie trägt einen blauen Mantel, den Schal mehrfach um den Hals gewickelt gegen die Kälte. Immer kommt sie hierher, alle zwei Tage tauscht sie die Kerzen aus. Es gibt ihr Kraft, erzählt sie, dass Jonny nicht vergessen wird.
Neben ihr steht Kaze C. Ein guter Freund von Jonny. Er war in der Nacht dabei, als junge Männer so lange auf Jonny einschlugen, bis er starb. Auch er wurde verprügelt, verletzt, doch er lebt. Auch er kommt täglich zu Jonnys Mahnwache. „Jeden Tag, wenn wir hierherkommen, liegt etwas Neues da“, sagt er. Diesmal hat jemand eine Brille dazugelegt. Kaze weiß nicht warum. „Viele Leute unterstützen uns“, sagt er. „Aber es passiert auch viel Scheiße.“ Zum Gedenken an Jonny hingen hier auch T-Shirts, die ihm etwas bedeutet hatten. Nach und nach wurden sie gestohlen. Eine Deutschlandflagge, die neben der thailändischen hing, wurde zerstört. „Irgendjemand hat auch hierhin gepinkelt“, erzählt Kaze.
„Berlin ist eine Großstadt“, sagt Tina K. dazu. „Es fehlt der Respekt.“ Jenes Minimum an Respekt, das sie nun auch bei den mutmaßlichen Tätern vermisst. Einer hat sich in die Türkei abgesetzt. Zwei sind wohl nach Griechenland gegangen. Keiner möchte die Schuld auf sich nehmen.
Nach Jonnys Tod, erzählt die 28-Jährige, habe sie das Gefühl gehabt, sofort etwas unternehmen zu müssen. Jetzt will sie vor allem an Schulen und Kindergärten für mehr Respekt und Zivilcourage werben. „Eltern schicken ihre Kinder in die Schule und denken, die werden dort erzogen und die Lehrer fragen sich, warum das ihre Aufgabe sein soll. Wenn niemand sich zuständig fühlt, komme eben ich ins Spiel.“ Ihr Auftritt in Kleinmachnow war nur der Anfang.
Thursday, November 15, 2012
Bewahren Sie nur vier Wochen auf der Avus
Die Arbeiten auf der Avus werden ein Jahr früher abgeschlossen. Auch die Leidenszeit der Bahnkunden geht zu Ende.
Bald soll es vorbei sein: Ende November will die Senatsverkehrsverwaltung wie geplant die Bauarbeiten auf der Avus abschließen und den täglichen Stau dort auflösen. Nur der Tag der Wiedereröffnung stehe derzeit noch nicht fest, sagte die Sprecherin der Verwaltung, Daniela Augenstein. Seit Sommer 2011 müssen sich Autofahrer durch die Baustellen quälen; im morgendlichen und abendlichen Hauptverkehr verlängert sich die Fahrt in der Regel um rund eine halbe Stunde. Nach Angaben von Traffic Service Berlin, das den Verkehr aus der Luft beobachtet, gibt es aber auch immer wieder „Ausreißer“ mit bis zu 45 Minuten Stauzeit.
Ursprünglich sollte die Grundsanierung der Avus zwischen der Anschlussstelle Spanische Allee und Dreieck Funkturm erst im November 2013 abgeschlossen sein.
Die Verkehrsverwaltung hatte die Baufirmen aber mit einer Prämie dazu angetrieben, schneller zum Ende zu kommen. Und es hat geklappt: Um ein Jahr konnte die Bauzeit verkürzt werden.
Bis zum Abschluss der Arbeiten bleibt es stadteinwärts zwischen den Anschlussstellen Spanische Allee und Hüttenweg aber bei nur einer Fahrspur, was zum regelmäßigen Stau führt. Eine offizielle Umleitung gibt es nicht, die Verkehrsverwaltung empfiehlt, über die Potsdamer Chaussee, die Argentinische Allee, die Clayallee und den Hohenzollerndamm auszuweichen. Durchreisenden rät die Verkehrsverwaltung im Internet, „unbedingt“ über den Berliner Ring zu fahren.
Die Avus musste grundlegend erneuert werden; 28 Millionen Euro waren für die Arbeiten veranschlagt. Die Kosten trägt der Bund, der auch die Prämienzahlung in Höhe von einer Million Euro für das schnellere Arbeiten übernimmt. Das Verkürzen der Bauzeit war durch den Einsatz modernster Maschinen möglich.
Auch die Leidenszeit der Bahnfahrgäste auf der parallel zur Avus durch den Grunewald führenden Strecke steht vor dem Ende. Am 9. Dezember sollen hier wieder Regionalzüge fahren. Der Abschnitt Charlottenburg–Wannsee war vor einem Jahr unterbrochen worden, um Gleise und Brücken sanieren zu können. Und die S-Bahn, die hier weiter fuhr, ist von Zugausfällen und Verspätungen geplagt, obwohl die Verbindung hier Vorrang im Netz haben sollte. Hinzu kam eine Unterbrechung der S1 zwischen Wannsee und Nikolassee. Hier sollen die Züge ab dem 4. November gegen 7 Uhr wieder fahren. Vorher gibt es aber an diesem Wochenende noch Ersatzverkehr mit Bussen – erst zwischen Nikolassee und Schlachtensee und dann in der Nacht zu Sonntag von 0 Uhr bis 7 Uhr zwischen Nikolassee und Schöneberg.
Bald soll es vorbei sein: Ende November will die Senatsverkehrsverwaltung wie geplant die Bauarbeiten auf der Avus abschließen und den täglichen Stau dort auflösen. Nur der Tag der Wiedereröffnung stehe derzeit noch nicht fest, sagte die Sprecherin der Verwaltung, Daniela Augenstein. Seit Sommer 2011 müssen sich Autofahrer durch die Baustellen quälen; im morgendlichen und abendlichen Hauptverkehr verlängert sich die Fahrt in der Regel um rund eine halbe Stunde. Nach Angaben von Traffic Service Berlin, das den Verkehr aus der Luft beobachtet, gibt es aber auch immer wieder „Ausreißer“ mit bis zu 45 Minuten Stauzeit.
Ursprünglich sollte die Grundsanierung der Avus zwischen der Anschlussstelle Spanische Allee und Dreieck Funkturm erst im November 2013 abgeschlossen sein.
Die Verkehrsverwaltung hatte die Baufirmen aber mit einer Prämie dazu angetrieben, schneller zum Ende zu kommen. Und es hat geklappt: Um ein Jahr konnte die Bauzeit verkürzt werden.
Bis zum Abschluss der Arbeiten bleibt es stadteinwärts zwischen den Anschlussstellen Spanische Allee und Hüttenweg aber bei nur einer Fahrspur, was zum regelmäßigen Stau führt. Eine offizielle Umleitung gibt es nicht, die Verkehrsverwaltung empfiehlt, über die Potsdamer Chaussee, die Argentinische Allee, die Clayallee und den Hohenzollerndamm auszuweichen. Durchreisenden rät die Verkehrsverwaltung im Internet, „unbedingt“ über den Berliner Ring zu fahren.
Die Avus musste grundlegend erneuert werden; 28 Millionen Euro waren für die Arbeiten veranschlagt. Die Kosten trägt der Bund, der auch die Prämienzahlung in Höhe von einer Million Euro für das schnellere Arbeiten übernimmt. Das Verkürzen der Bauzeit war durch den Einsatz modernster Maschinen möglich.
Auch die Leidenszeit der Bahnfahrgäste auf der parallel zur Avus durch den Grunewald führenden Strecke steht vor dem Ende. Am 9. Dezember sollen hier wieder Regionalzüge fahren. Der Abschnitt Charlottenburg–Wannsee war vor einem Jahr unterbrochen worden, um Gleise und Brücken sanieren zu können. Und die S-Bahn, die hier weiter fuhr, ist von Zugausfällen und Verspätungen geplagt, obwohl die Verbindung hier Vorrang im Netz haben sollte. Hinzu kam eine Unterbrechung der S1 zwischen Wannsee und Nikolassee. Hier sollen die Züge ab dem 4. November gegen 7 Uhr wieder fahren. Vorher gibt es aber an diesem Wochenende noch Ersatzverkehr mit Bussen – erst zwischen Nikolassee und Schlachtensee und dann in der Nacht zu Sonntag von 0 Uhr bis 7 Uhr zwischen Nikolassee und Schöneberg.
Schwester K. Johnny hält eine Rede an der JFK School
Tina K., die Schwester des im Oktober am Alexanderplatz zu Tode geprügelten Jonny K., spricht am Samstag vor Schülern der John-F.-Kennedy-Schule in Berlin. Dort will sie auch über ihre Stiftung für Opfer von Gewaltverbrechen informieren.
Der gewaltsame Tod von Jonny K., der Mitte Oktober am Alexanderplatz zu Tode geschlagen wurde, machte Schlagzeilen und erschütterte viele Menschen. Die große Schwester von Jonny hat seither viel über den Vorfall gesprochen, in Talkshows, bei Anne Will und anderswo. Am kommenden Samstag hält sie nun eine Rede vor rund 600 Schülern der John-F.-Kennedy-Schule in Berlin. "Ich möchte diesen internationalen Schülern zeigen, dass solche Gewaltverbrechen überall passieren können", sagte Tina K. Die Schüler sind dort im Rahmen des "Berlin Model United Nations" - eine Simulation, während der sich die jungen Menschen mit den Vorgängen im Sicherheitsrat und den Vereinten Nationen beschäftigen.
"In zehn Jahren werden das die Führungskräfte im Land sein", sagte K. Sie wolle deutlich machen, dass Gewalt unabhängig von Alter, Herkunft und Stand in der Gesellschaft präsent sei.
Nach dem Tod ihres Bruders hatte sie unter anderem bei "Anne Will" angekündigt, eine Stiftung für die Opfer von Gewaltverbrechen gründen zu wollen. Auch darauf will sie in ihrer Rede eingehen. Die Stiftung soll offiziell aber erst am Mittwoch vorgestellt werden.
Der gewaltsame Tod von Jonny K., der Mitte Oktober am Alexanderplatz zu Tode geschlagen wurde, machte Schlagzeilen und erschütterte viele Menschen. Die große Schwester von Jonny hat seither viel über den Vorfall gesprochen, in Talkshows, bei Anne Will und anderswo. Am kommenden Samstag hält sie nun eine Rede vor rund 600 Schülern der John-F.-Kennedy-Schule in Berlin. "Ich möchte diesen internationalen Schülern zeigen, dass solche Gewaltverbrechen überall passieren können", sagte Tina K. Die Schüler sind dort im Rahmen des "Berlin Model United Nations" - eine Simulation, während der sich die jungen Menschen mit den Vorgängen im Sicherheitsrat und den Vereinten Nationen beschäftigen.
"In zehn Jahren werden das die Führungskräfte im Land sein", sagte K. Sie wolle deutlich machen, dass Gewalt unabhängig von Alter, Herkunft und Stand in der Gesellschaft präsent sei.
Nach dem Tod ihres Bruders hatte sie unter anderem bei "Anne Will" angekündigt, eine Stiftung für die Opfer von Gewaltverbrechen gründen zu wollen. Auch darauf will sie in ihrer Rede eingehen. Die Stiftung soll offiziell aber erst am Mittwoch vorgestellt werden.
Senator will Gebäuden ggf. für Flüchtlinge nutzen
Bald könnten tausend Plätze für die Unterbringung von Asylbewerbern fehlen. Sozialsenator Mario Czaja erwägt deshalb drastische Mittel: Wenn es sein muss, will er Gebäude beschlagnahmen. Denn es gibt Streit um die Frage, wie eine gerechte Aufteilung der Belastungen aussehen könnte.
Die Situation sei schon ziemlich dramatisch, sagt Sozialsenator Mario Czaja (CDU): Im Oktober dieses Jahres hätten 1944 Menschen in Berlin einen sogenannten Erstantrag auf Asyl gestellt, im gleichen Monat des Vorjahres waren es 623. Die Anzahl der Flüchtlinge habe sich also verdreifacht, und auch wenn nicht alle in Berlin blieben, müssten doch erst einmal alle untergebracht werden. „Die Kapazitäten sind erschöpft“, sagt Czaja, „in wenigen Wochen könnten tausend Plätze fehlen.“ Jedenfalls, wenn nicht endlich jene Bezirke handelten, die bislang nur wenig Unterkünfte zur Verfügung stellen.
Ein letztes Mal will es Mario Czaja auf freiwilliger Basis versuchen: Am heutigen Donnerstag legt der 37-Jährige dem Rat der Bezirksbürgermeister ein Konzept vor, um Flüchtlinge in Berlin gerechter zu verteilen.
Beziehungsweise, um die Menschen, die in der Hauptstadt um Asyl bitten, überhaupt erst einmal unterzubringen. Demnach sollen beispielsweise Neukölln und Reinickendorf je rund 400 und Steglitz-Zehlendorf rund 500 Unterkünfte zur Verfügung stellen. Tun sie es nicht, will Czaja wie berichtet geeignete Gebäude beschlagnahmen.
Reinickendorfs Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) reagierte am Mittwoch gelassen auf die unverblümte Drohung. „Bevor man ein Objekt beschlagnahmen kann, muss man erstmal eines haben“, sagte er. „Und in Reinickendorf – das haben wir schließlich sorgfältig geprüft – gibt es keins.“ Warum es ungerecht sein soll, dass Lichtenberg und Tempelhof-Schöneberg derzeit 1160 beziehungsweise 776 Plätze zur Verfügung stellen, Reinickendorf aber nur 72, kann Balzer nicht erkennen. Zumal alle Bezirke – wie vom Senat gefordert – nicht genutzte Gebäude an den Liegenschaftsfonds übergeben mussten.
Der Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, Norbert Kopp, wie Balzer und Czaja ebenfalls CDU-Mitglied, nannte das Anliegen des Sozialsenators in der Sache zwar berechtigt, in der Form jedoch „ein völlig unnötiges Muskelspiel“. Sein Bezirk prüfe bereits mehrere Objekte, unter anderen ein ursprünglich für Asylbewerber errichtetes Heim der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die sich jedoch weigere, dies wieder für den ursprünglichen Zweck zu nutzen.
Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagte, ihr Bezirk, der nur 44 Plätze zur Verfügung stellt, habe schon genug mit dem Zuzug von Roma aus Rumänien und Bulgarien zu tun, die kein Asyl beantragen müssen. „Und es geht ja nicht nur um die Unterbringung, sondern auch um den Schulbesuch der Kinder.“ Auch deshalb sei der Vorschlag, im Ortsteil Rudow ein Containerdorf für Flüchtlinge einzurichten, von den Neuköllner Bezirksverordneten abgelehnt worden.
Ein Containerdorf in Rudow entspricht den Vorstellungen des Sozialsenators ohnehin nicht. Czaja möchte nicht, dass die Flüchtlinge isoliert untergebracht werden. „Wir können nicht beurteilen, was sie zum Verlassen ihrer Heimat bewogen hat“, sagte er. „Aber wir müssen für menschenwürdige Unterkünfte sorgen.“
Erst am Mittwoch hatte das Deutsche Rote Kreuz „katastrophale Zustände“ in einigen Asylbewerberheimen beklagt, auch in Berlin. Zugleich warnte der Jesuiten- Flüchtlingsdienst vor Alarmismus wegen der gestiegenen Zahlen von Asylbewerbern. „Jetzt wird schon wieder von Flüchtlingsströmen gesprochen, dabei sind selbst die gestiegenen Zahlen weitaus geringer als zu Beginn der 90er Jahre“, sagte der Jesuitenpater Ludger Hillebrand.
Er arbeitet als Seelsorger in den Abschiebehaftanstalten von Berlin und Brandenburg, die seit längerer Zeit nicht mehr ausgelastet sind. Überlegungen, diese deshalb zusammenzuschließen, erteilte Hillebrand ebenso eine Absage wie der Vorstellung, man könne den Abschiebegewahrsam in Köpenick als Notunterkunft für Flüchtlinge nutzen. Das wäre unmenschlich, sagte er: „Das ist doch ein richtiges Gefängnis. Mit Mauern und Gittern und Türen, die sich nur von außen öffnen lassen. Da kann man doch keine Frauen und Kinder unterbringen oder Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan.“
Die Situation sei schon ziemlich dramatisch, sagt Sozialsenator Mario Czaja (CDU): Im Oktober dieses Jahres hätten 1944 Menschen in Berlin einen sogenannten Erstantrag auf Asyl gestellt, im gleichen Monat des Vorjahres waren es 623. Die Anzahl der Flüchtlinge habe sich also verdreifacht, und auch wenn nicht alle in Berlin blieben, müssten doch erst einmal alle untergebracht werden. „Die Kapazitäten sind erschöpft“, sagt Czaja, „in wenigen Wochen könnten tausend Plätze fehlen.“ Jedenfalls, wenn nicht endlich jene Bezirke handelten, die bislang nur wenig Unterkünfte zur Verfügung stellen.
Ein letztes Mal will es Mario Czaja auf freiwilliger Basis versuchen: Am heutigen Donnerstag legt der 37-Jährige dem Rat der Bezirksbürgermeister ein Konzept vor, um Flüchtlinge in Berlin gerechter zu verteilen.
Beziehungsweise, um die Menschen, die in der Hauptstadt um Asyl bitten, überhaupt erst einmal unterzubringen. Demnach sollen beispielsweise Neukölln und Reinickendorf je rund 400 und Steglitz-Zehlendorf rund 500 Unterkünfte zur Verfügung stellen. Tun sie es nicht, will Czaja wie berichtet geeignete Gebäude beschlagnahmen.
Reinickendorfs Bezirksbürgermeister Frank Balzer (CDU) reagierte am Mittwoch gelassen auf die unverblümte Drohung. „Bevor man ein Objekt beschlagnahmen kann, muss man erstmal eines haben“, sagte er. „Und in Reinickendorf – das haben wir schließlich sorgfältig geprüft – gibt es keins.“ Warum es ungerecht sein soll, dass Lichtenberg und Tempelhof-Schöneberg derzeit 1160 beziehungsweise 776 Plätze zur Verfügung stellen, Reinickendorf aber nur 72, kann Balzer nicht erkennen. Zumal alle Bezirke – wie vom Senat gefordert – nicht genutzte Gebäude an den Liegenschaftsfonds übergeben mussten.
Der Bezirksbürgermeister von Steglitz-Zehlendorf, Norbert Kopp, wie Balzer und Czaja ebenfalls CDU-Mitglied, nannte das Anliegen des Sozialsenators in der Sache zwar berechtigt, in der Form jedoch „ein völlig unnötiges Muskelspiel“. Sein Bezirk prüfe bereits mehrere Objekte, unter anderen ein ursprünglich für Asylbewerber errichtetes Heim der Arbeiterwohlfahrt (AWO), die sich jedoch weigere, dies wieder für den ursprünglichen Zweck zu nutzen.
Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) sagte, ihr Bezirk, der nur 44 Plätze zur Verfügung stellt, habe schon genug mit dem Zuzug von Roma aus Rumänien und Bulgarien zu tun, die kein Asyl beantragen müssen. „Und es geht ja nicht nur um die Unterbringung, sondern auch um den Schulbesuch der Kinder.“ Auch deshalb sei der Vorschlag, im Ortsteil Rudow ein Containerdorf für Flüchtlinge einzurichten, von den Neuköllner Bezirksverordneten abgelehnt worden.
Ein Containerdorf in Rudow entspricht den Vorstellungen des Sozialsenators ohnehin nicht. Czaja möchte nicht, dass die Flüchtlinge isoliert untergebracht werden. „Wir können nicht beurteilen, was sie zum Verlassen ihrer Heimat bewogen hat“, sagte er. „Aber wir müssen für menschenwürdige Unterkünfte sorgen.“
Erst am Mittwoch hatte das Deutsche Rote Kreuz „katastrophale Zustände“ in einigen Asylbewerberheimen beklagt, auch in Berlin. Zugleich warnte der Jesuiten- Flüchtlingsdienst vor Alarmismus wegen der gestiegenen Zahlen von Asylbewerbern. „Jetzt wird schon wieder von Flüchtlingsströmen gesprochen, dabei sind selbst die gestiegenen Zahlen weitaus geringer als zu Beginn der 90er Jahre“, sagte der Jesuitenpater Ludger Hillebrand.
Er arbeitet als Seelsorger in den Abschiebehaftanstalten von Berlin und Brandenburg, die seit längerer Zeit nicht mehr ausgelastet sind. Überlegungen, diese deshalb zusammenzuschließen, erteilte Hillebrand ebenso eine Absage wie der Vorstellung, man könne den Abschiebegewahrsam in Köpenick als Notunterkunft für Flüchtlinge nutzen. Das wäre unmenschlich, sagte er: „Das ist doch ein richtiges Gefängnis. Mit Mauern und Gittern und Türen, die sich nur von außen öffnen lassen. Da kann man doch keine Frauen und Kinder unterbringen oder Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan.“
Wednesday, November 14, 2012
Die Zahl der Todesopfer von den Radfahrern auf Stufe aufzuzeichnen
Bereits 14 Berliner Radler verunglückten in diesem Jahr tödlich. Die Polizei hat daher die Lichtkontrollen auf den Straßen verstärkt, der Fahrradclub ADFC bezweifelt aber, dass fehlende Beleuchtung die Haupt-Unfallursache ist.
Die Zahl der in Berlin getöteten Radfahrer steuert auf einen neuen Höchststand zu. Der am vergangenen Dienstagabend verunglückte 64-Jährige ist der 14. getötete Radfahrer in diesem Jahr, der höchste Stand seit 2003. Hans-Peter M. starb an den Folgen eines Unfalls, der in dieser Art häufig ist, meist aber glimpflicher verläuft. Ein Autofahrer hatte in der Oranienburger Straße in Wittenau die Tür aufgerissen, der Radfahrer fuhr hinein und stürzte mit dem Kopf auf den Asphalt.
Der 64-Jährige trug keinen Helm.
Aber nicht nur die Zahl der Getöteten steigt, auch die Zahl der Verletzten dürfte in diesem Jahr deutlich nach oben gehen. In den ersten neun Monaten zählte die Polizei bereits 503 Schwer- und 3706 Leichtverletzte.
Die größte Gefahr für Radfahrer sind auch in diesem Jahr wieder rechts abbiegende Lastwagen. Fünf Menschen starben so, ein weiterer durch Linksabbieger. Im vergangenen Jahr waren sechs der elf Radfahrer durch Abbieger getötet worden. Angesichts dieser deutlichen Zahlen fordert der Fahrradklub ADFC die Polizei auf, endlich diese Unfallursache zu bekämpfen und auf die bisherigen Lichtkontrollen zu verzichten. Die Ende Oktober gestartete Präventionskampagne der Polizei „Dunkle Jahreszeit“ kritisierte die ADFC-Vorsitzende Eva-Maria Scheel als „Verschwendung von Steuergeldern“. Diese Lichtkontrollen benötigen viel Personal, bringen aber „wenig für die Sicherheit von Radfahrern“.
Dem widerspricht die Polizei. „Prävention muss sein“, sagte Andreas Tschisch, stellvertretender Leiter der Verkehrspolizei. Tschisch sagt aber auch, dass Rechtsabbieger und Rotlichtfahrer stärker kontrolliert werden müssen, die Radfahrer gefährden: „Das hat noch nicht den Umfang, den wir uns wünschen.“ Derartige Kontrollen seien weitaus personalintensiver, weil sowohl Auto- als auch der Radfahrer angehalten werden müssen und der Verstoß „gerichtsfest dokumentiert“ werden muss, entweder durch zwei Zeugen oder durch Videobilder. Zwischen Juni und Oktober hatte die Polizeidirektion 4 in Schöneberg und Steglitz bei 65 Kontrollen 1926 Radfahrer und 235 Autofahrer überprüft. Dabei wurden 173 Autofahrer erwischt, die beim Rechtsabbiegen die Vorfahrt parallel fahrender Radfahrer oder das Rotlicht von Ampeln missachtet hatten. Wegen des Personalmangels bei der Polizei sind derart umfangreiche Kontrollen aber die Ausnahme.
Seit Jahren streiten ADFC und Polizei über den Sinn von Lichtkontrollen. Nach Angaben des Radfahrklubs macht fehlendes Licht nur zwei Prozent aller Unfälle aus, ein Wert, den die Polizei „nicht nachvollziehen“ kann. Nach Tschischs Angaben ereignen sich 21 Prozent aller Radunfälle im Dunkeln oder in der Dämmerung, bei den tödlichen Unfällen waren es sogar 27 Prozent. Wie oft bei diesen Unfällen die fehlende Beleuchtung von Fahrrädern die Hauptursache war, gibt die Statistik allerdings nicht her.
In diesem Jahr starben drei Radfahrer im Dunkeln; fehlendes Licht war aber nie ursächlich. Hans-Peter W. hatte ebenso Licht am Rad wie der 57-jährige Polizist, der von einem betrunkenen Autofahrer Anfang Oktober in Pankow totgefahren worden war. Auch beim dritten Unfall spielte Licht keine Rolle, als sich zwei nebeneinander fahrende Radfahrerinnen berührten und eine stürzte.
ADFC und Polizei appellieren gleichermaßen an Radfahrer, mit Licht zu fahren. „Sehen und gesehen werden.“ Dabei nimmt es die Polizei bei ihren Kontrollen nicht so streng wie die Straßenverkehrszulassungsordnung: Die schreibt einen Dynamo als Stromquelle vor, sehr viele Radler benutzen jedoch – viel hellere – Batterielichter. „Ich freue mich über jeden Radfahrer mit Beleuchtung“, sagt Polizeioberrat Tschisch. Der Gesetzgeber hinke eindeutig hinter der Realität hinterher. Auch Radlerverbände kritisieren die völlig veraltete Bestimmung seit langem.
Bei der Hauptunfallursache Rechtsabbieger sind ADFC und Polizei aber wieder auf einer Linie. „Nicht nur auf Lkw-Fahrer schimpfen“, sagt ADFC-Unfallexperte Bernd Zanke, „sondern selbst auch gucken.“ Viele Radler verlassen sich viel zu sehr auf ihr Vorfahrtsrecht und sehen sich nicht um. Ein Polizist formuliert es drastisch: „Als Inschrift auf dem Grabstein hilft ,Ich hatte Vorfahrt‘ auch nicht mehr.“ Jörn Hasselmann
Die Zahl der in Berlin getöteten Radfahrer steuert auf einen neuen Höchststand zu. Der am vergangenen Dienstagabend verunglückte 64-Jährige ist der 14. getötete Radfahrer in diesem Jahr, der höchste Stand seit 2003. Hans-Peter M. starb an den Folgen eines Unfalls, der in dieser Art häufig ist, meist aber glimpflicher verläuft. Ein Autofahrer hatte in der Oranienburger Straße in Wittenau die Tür aufgerissen, der Radfahrer fuhr hinein und stürzte mit dem Kopf auf den Asphalt.
Der 64-Jährige trug keinen Helm.
Aber nicht nur die Zahl der Getöteten steigt, auch die Zahl der Verletzten dürfte in diesem Jahr deutlich nach oben gehen. In den ersten neun Monaten zählte die Polizei bereits 503 Schwer- und 3706 Leichtverletzte.
Die größte Gefahr für Radfahrer sind auch in diesem Jahr wieder rechts abbiegende Lastwagen. Fünf Menschen starben so, ein weiterer durch Linksabbieger. Im vergangenen Jahr waren sechs der elf Radfahrer durch Abbieger getötet worden. Angesichts dieser deutlichen Zahlen fordert der Fahrradklub ADFC die Polizei auf, endlich diese Unfallursache zu bekämpfen und auf die bisherigen Lichtkontrollen zu verzichten. Die Ende Oktober gestartete Präventionskampagne der Polizei „Dunkle Jahreszeit“ kritisierte die ADFC-Vorsitzende Eva-Maria Scheel als „Verschwendung von Steuergeldern“. Diese Lichtkontrollen benötigen viel Personal, bringen aber „wenig für die Sicherheit von Radfahrern“.
Dem widerspricht die Polizei. „Prävention muss sein“, sagte Andreas Tschisch, stellvertretender Leiter der Verkehrspolizei. Tschisch sagt aber auch, dass Rechtsabbieger und Rotlichtfahrer stärker kontrolliert werden müssen, die Radfahrer gefährden: „Das hat noch nicht den Umfang, den wir uns wünschen.“ Derartige Kontrollen seien weitaus personalintensiver, weil sowohl Auto- als auch der Radfahrer angehalten werden müssen und der Verstoß „gerichtsfest dokumentiert“ werden muss, entweder durch zwei Zeugen oder durch Videobilder. Zwischen Juni und Oktober hatte die Polizeidirektion 4 in Schöneberg und Steglitz bei 65 Kontrollen 1926 Radfahrer und 235 Autofahrer überprüft. Dabei wurden 173 Autofahrer erwischt, die beim Rechtsabbiegen die Vorfahrt parallel fahrender Radfahrer oder das Rotlicht von Ampeln missachtet hatten. Wegen des Personalmangels bei der Polizei sind derart umfangreiche Kontrollen aber die Ausnahme.
Seit Jahren streiten ADFC und Polizei über den Sinn von Lichtkontrollen. Nach Angaben des Radfahrklubs macht fehlendes Licht nur zwei Prozent aller Unfälle aus, ein Wert, den die Polizei „nicht nachvollziehen“ kann. Nach Tschischs Angaben ereignen sich 21 Prozent aller Radunfälle im Dunkeln oder in der Dämmerung, bei den tödlichen Unfällen waren es sogar 27 Prozent. Wie oft bei diesen Unfällen die fehlende Beleuchtung von Fahrrädern die Hauptursache war, gibt die Statistik allerdings nicht her.
In diesem Jahr starben drei Radfahrer im Dunkeln; fehlendes Licht war aber nie ursächlich. Hans-Peter W. hatte ebenso Licht am Rad wie der 57-jährige Polizist, der von einem betrunkenen Autofahrer Anfang Oktober in Pankow totgefahren worden war. Auch beim dritten Unfall spielte Licht keine Rolle, als sich zwei nebeneinander fahrende Radfahrerinnen berührten und eine stürzte.
ADFC und Polizei appellieren gleichermaßen an Radfahrer, mit Licht zu fahren. „Sehen und gesehen werden.“ Dabei nimmt es die Polizei bei ihren Kontrollen nicht so streng wie die Straßenverkehrszulassungsordnung: Die schreibt einen Dynamo als Stromquelle vor, sehr viele Radler benutzen jedoch – viel hellere – Batterielichter. „Ich freue mich über jeden Radfahrer mit Beleuchtung“, sagt Polizeioberrat Tschisch. Der Gesetzgeber hinke eindeutig hinter der Realität hinterher. Auch Radlerverbände kritisieren die völlig veraltete Bestimmung seit langem.
Bei der Hauptunfallursache Rechtsabbieger sind ADFC und Polizei aber wieder auf einer Linie. „Nicht nur auf Lkw-Fahrer schimpfen“, sagt ADFC-Unfallexperte Bernd Zanke, „sondern selbst auch gucken.“ Viele Radler verlassen sich viel zu sehr auf ihr Vorfahrtsrecht und sehen sich nicht um. Ein Polizist formuliert es drastisch: „Als Inschrift auf dem Grabstein hilft ,Ich hatte Vorfahrt‘ auch nicht mehr.“ Jörn Hasselmann
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